Stimme für junge Menschen
Von A wie der Art des Duschgels bis Z wie Zuschuss zum Führerschein: Der Paritätische Wohlfahrtsverband Niedersachsen möchte Mädchen und Jungen aus stationären Wohngruppen eine Stimme geben. „Die Entscheider im Ministerium können nicht beurteilen, was ihr braucht und wissen nicht, was euch bewegt. Sie haben keinen Eindruck von eurem Alltag“, sagte Projektkoordinatorin Tabea Muhs zu den Jugendlichen aus den Dialog-Wohngruppen im Bad Essener Jugendtreff TriO.
Dieses neue Beteiligungsprojekt „Wir reden mit!“ für 13- bis 21-Jährige ist am 1. November 2025 gestartet und baut auf den Ergebnissen einer vorherigen Projektwerkstatt auf. Fünf Kernforderungen sind aufgestellt worden:
– Mehr Förderung, Anerkennung und Mitbestimmung im Wohngruppen-Alltag
– Gespräche mit dem Jugendamt/Vormund auf Augenhöhe und echte Beteiligung
– Bessere Vorbereitung auf ein selbstständiges Leben – bessere Unterstützung im Verselbstständigungs-Prozess
– Gleiche Möglichkeiten/Startchancen für alle (wie zum Beispiel Auslandsjahr, Finanzierung des Führerscheins, Freizeitgestaltung)
– Strukturen, die eine Selbstvertretung und die Information über die eigenen Rechte ermöglichen
Auch die Probleme, die viele Jugendliche in Wohngruppen erleben, sind im Rahmen der Projektwerkstatt zusammengefasst worden. Dazu gehören zum Beispiel wechselnde Bezugspersonen, Mobbing, fehlende pädagogische Unterstützung oder schlechte medizinische Versorgung. Ebenso wünschen sie sich mehr Privatsphäre. Viele Jugendliche in Niedersachsen fühlen sich fremdbestimmt und nicht ernst genommen.
Tabea Muhs wollte erfahren, welche Themen die Jugendlichen aus den Wohngruppen der Dialog gGmbH aktuell beschäftigen. Für manche waren es zum Beispiel die Ämter innerhalb ihrer jeweiligen Wohngruppe, die sie wechselweise übernehmen müssen. Aber auch der Geschmack des gelieferten Mittagessens lasse zu wünschen übrig.
Bis zum Ende des Projekts im Dezember 2028 finden sechs Jugendkonferenzen statt. Das nächste Mal treffen sich die Jugendlichen aus ganz Niedersachsen vom 6. bis 8. März in Hannover. Eine zweite Jugendkonferenz in diesem Jahr folgt im November. „Niemand ist verpflichtet, die vollen drei Jahre am Projekt teilzunehmen“, stellte Tabea Muhs klar. Einige der anwesenden Jugendlichen hatten sich bereits im Vorfeld für die Konferenz im März angemeldet, manche waren sogar schon an der vorherigen Projektwerkstatt beteiligt.
Zwischen den Jugendkonferenzen gibt es digitale Austauschgespräche. Zudem sind sogenannte Regionaltreffen in größerer Runde ab 2027 geplant, also Treffen mit Jugendlichen sowie Fachkräften aus anderen Einrichtungen aus dem Kreis Osnabrück.
Tabea Muhs berichtete, dass es in anderen Bundesländern bereits ähnliche Projekte gebe, sogenannte Selbstvertretungsgremien. „Nach den drei Jahren möchten wir so etwas auch in Niedersachsen etablieren“, sagte sie. Zu der nächsten Jugendkonferenz sind Vertreter aus Nordrhein-Westfalen eingeladen. Sie werden erzählen, wie sie es geschafft haben, dass das Taschengeld für Kinder und Jugendliche in Wohngruppen in ganz Deutschland erhöht worden ist. Das Gremium aus Hessen habe erreicht, dass die Jugendlichen keinen Anteil mehr von dem Geld abgeben müssen, das sie durch Ferienarbeit verdienen.
Das Beteiligungsprojekt wird wie zuvor auch schon die Projektwerkstatt durch die Ombudsfrauen Heike Stellwag und Nadine Schlüter begleitet. Sie sind unabhängige, vertrauliche Ansprechpartnerinnen für die Mädchen und Jungen aus den Dialog-Wohngruppen.
Das Beteiligungsprojekt „Wir reden mit!“ für junge Menschen in der Erziehungshilfe wird gefördert durch die Aktion Mensch.
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