Am 13. September entscheiden die Menschen im Landkreis Osnabrück, ob Landrätin Anna Kebschull im Amt bleibt oder ob es einen Wechsel im Kreishaus gibt. Der Verbund Sozialer Dienste (VSD) hat alle Kandidierenden – außer einen – zu einem Gespräch über die aktuelle Situation in der Kinder- und Jugendhilfe eingeladen. Jetzt war die Amtsinhaberin zu Gast, die als unabhängige Kandidatin antritt. Seit 2019 steht Anna Kebschull an der Spitze der Kreisverwaltung.

Doch bevor sich das Gespräch um die derzeitigen Herausforderungen in der Kinder- und Jugendhilfe drehte, sprach VSD-Geschäftsführer Tim Ellmer ein anderes aktuelles Thema an: Der Burggraben ist aufgrund der anhaltenden Dürre an einigen Stellen nahezu vollständig ausgetrocknet. Das ist einerseits eine Gefahr für die Fische, zudem aber auch schädlich für die Gebäude auf dem Gelände. Sie stehen auf einem Holzfundament, das nun austrocknet und dadurch porös wird. Die Landrätin versprach, das Thema mitzunehmen und sich über mögliche Lösungsansätze für das Auffüllen des Burggrabens zu informieren.

Anna Kebschull ist mit dem Burggelände sowie mit der Arbeit des VSD und seiner Tochterunternehmen durchaus vertraut. Als ein Team des VSD, das aus unterschiedlichen Bereichen zusammengesetzt war, im April 2020 kurzfristig 50 Kinder aus dem Flüchtlingslager auf Moria aufnahm und betreute, überzeugte sich die Landrätin vor Ort auf dem Essenerberg von dem unermüdlichen Einsatz der Mitarbeitenden. Im Mai 2022 war sie als Rednerin im Rahmen des Europatags auf der Burg Wittlage zu Gast. Dies sind nur zwei der vielen Begegnungspunkte im Laufe der vergangenen sieben Jahre.

Auch Anna Kebschull hatte im Vorfeld ein Positionspapier des VSD zu verschiedenen Herausforderungen in der Kinder- und Jugendhilfe erhalten. Ellmer war es aber wichtig zu betonen, dass die Zusammenarbeit mit dem Jugendamt des Landkreises gut sei.

Gespräch mit Anna Kebschull
Landrätin Anna Kebschull im Gespräch mit VSD-Geschäftsführer Tim Ellmer

Ein Thema aus dem Positionspapier ist das Pooling in Schulen. Eine Schulbegleitung soll sich künftig um mehrere Kinder in einer Klasse kümmern. „Ich habe regelmäßig Kontakt zu Lehrkräften und Schulleitungen. Das institutionalisierte Pooling ist meiner Ansicht nach ein guter Ansatz. Allerdings sollte in Sonderfällen eine Einzelbegleitung ermöglicht werden“, sagte die Landrätin dazu. Der Bedarf an Schulsozialpädagogik sei merklich angestiegen. Kaum eine Klasse habe nicht mindestens ein Kind mit einem Unterstützungsbedarf in ihrer Gemeinschaft.   

Dieser Ansicht stimmte Ellmer zu, gab aber zu bedenken, dass die Verantwortung an die Schulen abgegeben wird, wenn die Schule das Personal dafür stellen muss. „Die Schule ist dann dafür verantwortlich, die Kinder zu integrieren. Das bedeutet Mehrbelastung für das Personal.“ Die Einzelschulbegleitungen der Kinderhaus Wittlager Land gGmbH, die zum VSD zählt, arbeiten auch außerhalb der Schule am Verhalten dieser Kinder mit besonderem Unterstützungsbedarf. Diese Arbeit falle aber durch das institutionalisierte Pooling – wenn es denn beschlossen wird – weg.

Ein weiteres Thema war die offene Kinder- und Jugendarbeit, also unter anderem die Arbeit in den Jugendtreffs. Ellmers Einschätzung nach entscheiden manche Kommunen eher anhand ihrer finanziellen Möglichkeiten und nicht nach Sozialbedarf über den Umfang und die Ausgestaltung der Angebote: „Es werden Budgetverträge abgeschlossen, die für zwei oder drei Jahre gelten. In dieser Zeit kann es aber zu tariflichen Gehaltssprüngen kommen. Manche Kommunen sind dann nicht bereit, diese Erhöhungen mitzugehen. Es müsste eine Anpassungsklausel in den Verträgen geben.“ Stellen sollten zudem anhand von Sozialkriterien in der jeweiligen Kommune bemessen werden.

Laut dem vom Paritätischen Wohlfahrtsverband geleakten Arbeitspapier diskutieren Bund, Länder und kommunale Spitzenverbände im Verborgenen über drastische Kürzungen bei Leistungen für Kinder, Jugendliche und Menschen mit Behinderungen. Eine Überlegung daraus: Die Jugendhilfe müsse mit der Volljährigkeit enden, der Junge oder das Mädchen die Wohngruppe verlassen. „Die Hilfen mit 18 Jahren zu beenden ist utopisch. Selbst junge Leute, die bei ihren Eltern aufwachsen, ziehen in der Regel erst im Alter zwischen 24 und 26 Jahren zu Hause aus. Ein solcher konsequenter Cut am 18. Geburtstag wäre fatal“, warnte der VSD-Geschäftsführer. Zum VSD gehören stationäre Wohngruppen für Kinder und Jugendliche im Kreis Osnabrück, in Rahden (NRW) und in Mohrkirch (Schleswig-Holstein).

Und dann wäre da ja noch die Frage nach bezahlbarem Wohnraum für diese jungen Menschen. „Das System Jugendhilfe ließe sich durch einen höheren Wohngeldanteil im Sozialhilfesatz entlasten. Jungen und Mädchen aus der Kinder- und Jugendhilfe haben in jungen Jahren nicht viel Geld zur Verfügung, und viele Vermieter geben ihnen keine Chance. Oft mieten wir eine Wohnung für sie an, weil die Vermieter dann zumindest eine Sicherheit haben. Aber es macht einen Unterschied, ob sie in ihre eigene Wohnung ziehen oder in eine weitere, von uns angemietete Wohnung“, so Ellmer.  

Das etwa 90-minütige Gespräch war von Vertrauen und Respekt geprägt. Ellmer sagte, er könne keine Krisen verhindern oder gar ausschließen. „Aber ich kann garantieren, dass wir uns darum kümmern und wir transparent damit umgehen.“ Eine Haltung, die ebenso auf die Landrätin zutrifft und auch nach dem 13. September weiterhin gelebt werden soll.