Am 13. September entscheiden die Menschen im Landkreis Osnabrück, ob Landrätin Anne Kebschull im Amt bleibt oder ob es einen Wechsel im Kreishaus gibt. Der VSD hat alle Kandidierenden (außer einen) zu einem Gespräch über die aktuelle Situation in der Kinder- und Jugendhilfe eingeladen. Erster Gast war jetzt Erik Frerker, Kandidat der Linken.

Ihm sei bewusst, dass auf sozialer Ebene oft zuerst nach Einsparmöglichkeiten gesucht werde. VSD-Geschäftsführer Tim Ellmer bestätigte, dass die Kosten im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe steigen: „Es geht darum, eine gemeinsame Lösung zu finden. Stattdessen werden Ideen diskutiert, die weit weg von der Praxis sind. Die Symptome werden gekürzt, aber die Ursachen bleiben.“ Wenn die finanziellen Mittel knapp sind, werde in der Regel zuerst im freiwilligen präventiven Bereich gekürzt. Aber genau diese Hilfen seien entscheidend, um langfristig Kosten zu sparen.

Kinder- und Jugendtreffs sind ein Beispiel dafür. Jede Kommune kann selbst entscheiden, ob sie offene Kinder- und Jugendarbeit braucht und möchte. Der VSD erbringt sie über die Kinderhaus Wittlager Land gGmbH für die Gemeinden Bad Essen, Bad Laer und Dissen. „Unser Ziel ist es, die Mitarbeitenden möglichst lange zu beschäftigen, weil sie auch Beziehungen aufbauen“, sagte Ellmer. Als Folge dessen steigen mit der Zeit auch die Personalkosten. „Manche Kommunen schreiben die offene Kinder- und Jugendarbeit für drei bis fünf Jahre aus, dann muss man sich neu bewerben und natürlich nachverhandeln. Es ist ein Flickenteppich im Landkreis“, so der Geschäftsführer. Viele Menschen sehen nur die Kosten, nicht das, was die Arbeit bringt. „Die offene Kinder- und Jugendarbeit hat eine Vermittlerrolle. Sie löst niedrigschwellig viele Konfliktpotentiale.“ Erik Frerker stimmte ihm zu und gab an, als Landrat Bedingungen schaffen zu wollen, die eine dauerhafte Planung ermöglichen: „Ich sehe den Kreis da in der Pflicht.“

Einheitliche Rahmenbedingungen seien auch ein Thema im Hinblick auf Kitas. Charly’s Kinderparadies zählt zum Verbund Sozialer Dienste und ist Träger von Krippen und Kindergärten in Bad Essen, Melle, Dissen, Bad Iburg, Bad Rothenfelde und in Neuenkirchen-Vörden (Kreis Vechta). „Die Qualität der Pädagogik sollte für die Familien ausschlaggebend sein, nicht die Ausstattung der Kita, die je nach den finanziellen Möglichkeiten der einzelnen Kommunen variiert“, sagte Ellmer. In der Stadt Osnabrück sind ab dem 1. August auch die Krippenplätze beitragsfrei, während Eltern im Landkreis weiterhin für die Plätze zahlen müssen. „Die Entscheidung der Stadt, die Kosten zu übernehmen, ist gut. Aber auch das sorgt nicht für gleiche Rahmenbedingungen“, so Ellmer.

Lena Kerlfeld ist ebenfalls Geschäftsführerin des VSD. Sie berichtete Erik Frerker, dass immer weniger Familien einen Krippenplatz in Anspruch nehmen. Vor noch gar nicht langer Zeit habe man sich um die Plätze bewerben müssen: „Doch aufgrund gesellschaftlicher Veränderungen bleiben vermehrt Plätze frei. Gruppen werden in der Folge geschlossen. Und Mitarbeitende können deshalb nicht in der Einrichtung bleiben. Diese Entwicklung war vor fünf Jahren nicht abzusehen.“ In Bad Rothenfelde und Neuenkirchen sind aufgrund der Dringlichkeit mobile Betreuungslösungen in Containern geschaffen worden. Sie erfüllen alle Bedingungen eines Kindergartens, waren aber eigentlich nur als Übergangslösung gedacht. „Jetzt wird diese Lösung immer weiter verlängert. Wir sind uns einig: Die Kommunen müssen einen schönen Ort für die Kinder bieten, sonst sind die Entwicklungsmöglichkeiten einer Gemeinde begrenzt“, sagte Lena Kerlfeld.

Frerker sprach im Zusammenhang mit den Kitas das Thema Essen an. Als Landrat wolle er kostenloses und gesundes Essen in Kitas und Schulen ermöglichen. Lena Kerlfeld bestätigte ihm, dass die Essenskosten immens steigen und eine hohe Zusatzbelastung für die Familien darstellen. Bei Charly’s habe man bereits vor Jahren entschieden, das Frühstück selbst einzukaufen und anzubieten, damit nicht ein Kind bestens versorgt in die Kita kommt und ein anderes Kind nur wenig dabei hat.

Zum VSD zählt zudem die Dialog gGmbH, Träger von stationären Wohngruppen für Kinder und Jugendliche. Auch in diesem Bereich haben in den vergangenen Wochen Kürzungspläne bundesweit für Diskussionen gesorgt. Frerker kam auf bezahlbaren Wohnraum zu sprechen. „Wir bringen viele Jugendliche in die Verselbstständigung. Sie fangen eine Ausbildung an und wollen eine eigene Wohnung beziehen. Aber sie haben es schwer, eine Wohnung zu finden, wenn die Vermieter ihren Hintergrund sehen“, erzählte Ellmer. Durch eine festgeschrieben Quadratmetermiete seien die Möglichkeiten für diese jungen Erwachsenen begrenzt. Und Wohnungen in diesem Preissegment seien ohnehin schon viel zu knapp. „Ich würde mir größere Flexibilität bei der Miete wünschen. Bei uns entstehen höhere Kosten als wenn sie eine Sozialwohnung beziehen könnten. Es würde Sinn machen, diese starren Grenzen aufzuweichen. Der Staat würde Geld sparen“, meinte Ellmer.

Frerker hatte das Gespräch live auf TikTok gestreamt. Der VSD hatte im Vorfeld auf Instagram die Follower aufgerufen, Fragen einzureichen. Eine lautete, welchen Missstand in der Kinder- und Jugendhilfe er sofort beseitigen würde? „Ich finde es furchtbar, dass Kinder mit Fluchterfahrung nicht wissen, ob sie dauerhaft hier bleiben können. So könnt ihr euren Auftrag auch gar nicht erfüllen“, antwortete der Kandidat der Linken. Lena Kerlfeld stimmte ihm zu: „Sie bauen sich hier ein Leben auf, haben Freunde und Arbeit, und dann bekommen sie einen Brief und werden aufgefordert, das Land zu verlassen. Wir haben bis vor wenigen Monaten das Willkommensbüro im Wittlager Land geleitet. Die Kolleginnen haben uns oft berichtet, was das mit den Familien macht.“

Tim Ellmer berichtete ebenfalls aus der Praxis. 2015 hatte der VSD eine Clearingstelle für unbegleitete minderjährige Ausländer (umA) eröffnet. „Viele von ihnen sind nach Deutschland gekommen, weil sie Verantwortung für ihre Familie in der Heimat übernehmen wollten. Sie wollten Geld verdienen und die Familie versorgen. Wenn ihnen diese Perspektive genommen wird, ist die Motivation anders“, erzählte er. Dass daraus Erfolgsgeschichten entstanden sind, habe er erst kürzlich wieder erlebt. Er habe zufällig einen der ersten umAs der damaligen Clearingstelle getroffen. „Er arbeitet jetzt als Sozialarbeiter für das Jugendamt in Bielefeld.“ Solche Erfolgsgeschichten müssten öfter erzählt werden, meinte Frerker, auch um rechten Positionen entgegenzutreten.  

Der Landratskandidat versprach nach dem gut einstündigen Gespräch, mit dem VSD im Austausch zu bleiben. „Ich nehme mit, dass wir als Die Linke die Diskussion dahin lenken müssen, dass Budgetkürzungen und die Personalsituation sich nicht verschärfen dürfen. Das ist unsere Pflicht.“