Am 13. September entscheiden die Menschen im Landkreis Osnabrück, ob Landrätin Anne Kebschull im Amt bleibt oder ob es einen Wechsel im Kreishaus gibt. Der Verbund Sozialer Dienste (VSD) hat alle Kandidierenden – außer einen – zu einem Gespräch über die aktuelle Situation in der Kinder- und Jugendhilfe eingeladen. Alexander Bartz ist der Kandidat der SPD und bringt Erfahrung als Bundestagsabgeordneter mit.

Der 41-Jährige betonte zu Beginn des Gesprächs, dass es ihm wichtig sei, ein Gespür dafür zu bekommen, was die Menschen im Landkreis Osnabrück bewegt. „Ich möchte mehr über die Herausforderungen erfahren. Deshalb ist es mir wichtig, heute hier bei Ihnen auf der Burg Wittlage zu sein.“ VSD-Geschäftsführer Tim Ellmer sieht diese Gespräche mit den Kandidierenden als Möglichkeit, „die soziale Arbeit in den Fokus zu rücken, ihren Mehrwert zu erklären und zu erzählen“. Der drohende Kahlschlag im Sozialen, über den seit einigen Wochen berichtet wird, habe enorme Folgen für lokale Strukturen – wenn die Ideen und Vorschläge so umgesetzt werden, wie sie in dem geleakten Arbeitspapier formuliert sind. „Ein Landrat kann auch auf Bundesebene trommeln. Ich bin noch sehr gut vernetzt“, sagte Bartz.

Lena Kerlfeld, ebenfalls Geschäftsführerin des VSD, erzählte, dass der Verbund eine gute Zusammenarbeit mit dem Landkreis pflege. Im Hinblick auf gleiche Chancen für alle sozialen Träger sei aber noch Optimierungsbedarf: „Wir wünschen uns einheitliche Rahmenbedingungen beziehungsweise Standards. Diese sind im Moment noch nicht gegeben. Das betrifft vor allem die Krippen und Kindergärten sowie die offene Kinder- und Jugendarbeit.“ Diese Themen seien vor langer Zeit vom Landkreis an die Kommunen delegiert worden. Die Folge: „Wir sind stark vom Willen der örtlichen Politik abhängig.“

Charly’s Kinderparadies ist davon betroffen. Das Tochterunternehmen des VSD ist Träger von Krippen und Kindergärten in Bad Essen, Melle, Dissen, Bad Iburg, Bad Rothenfelde und in Neuenkirchen-Vörden (Kreis Vechta). Die Stadt Osnabrück erhebt zum Beispiel ab dem 1. August keine Gebühren mehr für Krippenplätze. Im Landkreis hingegen müssen die Eltern weiterhin zahlen, und die Gebühr falle je nach Kommune unterschiedlich hoch aus.

Auch bei den Öffnungszeiten gelten in jeder Kommune andere Vorgaben. Mal darf die Betreuung schon um 7 Uhr beginnen, selbst wenn nur drei Kinder angemeldet sind. In anderen Orten müssen es mindestens sechs Plätze sein, um vor 8 Uhr mit der Betreuung beginnen zu dürfen. „Wir könnten die Öffnungszeiten an die Bedarfe der Eltern anpassen, dürfen es in vielen Orten aber nicht ohne Weiteres. Dabei wäre es ein Vorteil für die Familien, gerade für Mütter oder Väter im Schichtdienst“, so Lena Kerlfeld. Einheitliche Rahmenbedingungen würden dafür sorgen, dass die Qualität der pädagogischen Arbeit entscheidend für das Interesse der Eltern ist, nicht die Ausstattung der Einrichtung, die oft abhängig von der Finanzlage der jeweiligen Kommune ist.

Bartz ist Vorsitzender des DRK-Kreisverbandes Vechta. Der Kreisverband betreibt drei städtische Kitas. Er konnte also gut nachvollziehen, welche Herausforderungen die Geschäftsführung des VSD bewegen.

Ähnlich sei die Lage im Hinblick auf die Kinder- und Jugendtreffs. Jede Kommune könne selbst entscheiden, ob sie diese offene Kinder- und Jugendarbeit braucht und möchte. „Wie viele Personalstunden dafür zur Verfügung stehen, hängt vom Budget der jeweiligen Kommune ab“, berichtete Ellmer. Der VSD erbringt sie über die Kinderhaus Wittlager Land gGmbH für die Gemeinden Bad Essen, Bad Laer und Dissen, die Zusammenarbeit ist laut VSD-Geschäftsführung gut. Die Bezahlung der Mitarbeitenden ist an den Tarif angelehnt. Das bringt regelmäßig Gehaltsanpassungen mit sich. „Andere Kommunen passen das Gehalt zwar in den Vertragsverhandlungen an. Aber um das Budget nicht zu erhöhen, reduzieren sie die Stunden der Mitarbeitenden“, erklärte Ellmer.

Alexander Bartz hörte bei diesen Themen aufmerksam zu. „Es sind viele Herausforderungen, die mir durch solche Gespräche bewusst werden. Ich möchte spürbare Veränderungen und Ergebnisse auf kurz oder lang bewirken. Wenn es mit der Wahl zum Landrat klappt, würde ich mich zeitnah mit den Sozialverbänden zusammensetzen“, versprach der SPD-Kandidat. Eine gute Wirtschaftspolitik sei für ihn zugleich eine Voraussetzung für gute Sozialpolitik.

Auch das Thema „Pooling“ in der Schule kam zur Sprache. Aktuell besteht für Kinder mit Förderbedarf ein Anspruch auf eine Eins-zu-eins-Betreuung durch eine Schulbegleitung. Das Pooling, also das eine Schulbegleitung für mehrere Kinder zuständig ist, ist die Ausnahme. Dies soll umgekehrt werden, eine Eins-zu-eins-Betreuung soll nur noch gewährt werden, wenn die Betreuung im Pool nicht zumutbar ist. So sieht es zumindest der Vorschlag in dem geleakten Arbeitspapier vor. Bartz dazu: „Wenn Bedarfe da sind, müssen sie erfüllt werden. Das darf nicht zulasten der Entwicklung der Kinder gehen.“ Er räumt ein, dass es ein „hochspannendes und hochkomplexes“ Thema sei. Gleiches gelte für die Unterstützung von Kindern, die der deutschen Sprache noch nicht mächtig sind.

Einig waren sich Lena Kerlfeld, Tim Ellmer und Alexander Bartz, dass soziale Arbeit nur als Miteinander funktioniert. Man müsse nicht immer einer Meinung sein, aber auf einer Sachebene diskutieren können. „Wenn ich Landrat werden sollte, wird mein Parteibuch erstmal ruhen. Es geht dann nur um den Landkreis Osnabrück und darum, gemeinsam etwas zu bewirken“, sagte Bartz abschließend.