Am 13. September entscheiden die Menschen im Landkreis Osnabrück, ob Landrätin Anna Kebschull im Amt bleibt oder ob es einen Wechsel im Kreishaus gibt. Der Verbund Sozialer Dienste (VSD) hat alle Kandidierenden – außer einen – zu einem Gespräch über die aktuelle Situation in der Kinder- und Jugendhilfe eingeladen. Thomas Spieker ist der Kandidat der CDU und bringt mehr als 30 Jahre politische Erfahrung auf unterschiedlichen Ebenen mit.

Als stellvertretender Referatsleiter des Niedersächsischen Ministeriums für Soziales, Arbeit, Gesundheit und Gleichstellung ist er auch mit den Herausforderungen im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe vertraut. Für viele Punkte, die VSD-Geschäftsführer Tim Ellmer ansprach, zeigte Spieker Verständnis. Gleichwohl machte Ellmer deutlich, dass es ihm bei diesen Gesprächen um den Austausch von Sichtweisen geht: „Man muss nicht immer einer Meinung sein. Gute Sozialpolitik sollte aber parteiübergreifend zu einer Einigung führen.“

Spieker sieht in der Kinder- und Jugendhilfe „einen Grundpfeiler, auf dem der Landkreis aufbaut“. Als Landrat möchte er dafür sorgen, dass die Menschen langfristig gern im Landkreis Osnabrück bleiben und diesen auch in zehn Jahren noch als lebenswert wahrnehmen.

Für viele Familien spielt dabei unter anderem die Kinderbetreuung eine zentrale Rolle. Ellmer stört sich daran, dass es im Landkreis keine einheitlichen Kita-Standards gibt: „Die Kommunen entscheiden je nach Haushaltslage.“ Charly’s Kinderparadies zählt zum Verbund Sozialer Dienste. Die Krippen und Kindergärten sind in Bad Essen, Melle, Dissen, Bad Iburg und Bad Rothenfelde sowie in Neuenkirchen-Vörden (Kreis Vechta). „Überall haben wir unterschiedliche Finanzierungsgrundlagen“, so Ellmer. Der Landkreis arbeite zwar inzwischen an der Vereinheitlichung der Verträge. „Die Möglichkeiten, qualitativ zu arbeiten, hängen aber stark von der finanziellen Lage der Kommune ab.“

Insbesondere die Fachkräfte stehen vor zusätzlichen und größeren Herausforderungen. „Immer mehr Kinder kommen mit besonderem Unterstützungsbedarf und Entwicklungsverzögerungen in die Krippe oder in den Kindergarten. Bereits zu diesem frühen Zeitpunkt fehlt es an Unterstützung, welche Wege diese Kinder gehen können. Dabei könnte man gewisse Weichen stellen, damit sich die Situation bis zum Grundschulalter verbessert“, meint Ellmer.

In der Grundschule müssen einige dieser Kinder mit Unterstützungsbedarf dann von einer Schulbegleitung betreut werden. Spieker hält mehr Schulsozialarbeiter an Schulen für sinnvoll. Das Pooling, also dass eine Schulbegleitung für mehrere Kinder einer Klasse zuständig ist, schließen Ellmer und Spieker als Möglichkeit nicht aus. „Aber nur, wenn es zielführend ist. Die Einzelfallhilfe darf nicht pauschal gestrichen werden“, waren sie sich einig.

Außer den Krippen und Kindergärten nehmen stationäre Wohngruppen eine große Rolle im VSD ein. Spieker interessierte sich vor allem dafür, welche Schwierigkeiten es beim Übergang der jungen Menschen von der Kinder- und Jugendhilfe in den Erwachsenenbereich gibt. „Wenn sie die Wohngruppe verlassen können, finden sie oft keine bezahlbare Wohnung. Der Wohngeldanteil im Sozialhilfesatz ist mittlerweile zu gering. Also bleiben sie weiterhin bei uns, was deutlich höhere Kosten mit sich bringt“, erzählte Ellmer. Er schlug vor, das Wohngeld speziell für diese jungen Menschen zu erhöhen: „Dadurch würden die Betreuungskosten reduziert werden. Hier gibt es großes Einsparungspotential in der Jugendhilfe.“ Der CDU-Kandidat zeigte sich offen für ein Modellprojekt dieser Art.

Wenn die jungen Erwachsenen trotz aller Versuche keine Wohnung finden, ziehen sie oft in ihre alten Umfelder zurück. „Der Kontakt bricht ab, das Netzwerk ist weg“, beobachtet Ellmer. Beziehungsabbruch sei stets gleichbedeutend mit einem kompletten Neustart, die Arbeit werde dann doppelt oder dreifach gemacht.

Auf Spiekers Frage, wie oft diese Jugendlichen mit Erfolg in den Arbeitsmarkt integriert werden, konnte Ellmer keine pauschale Antwort geben: „Das lässt sich schwer sagen, denn für uns ist es ein Erfolg, wenn sie vorher in ihre Familie zurückkehren. Nur selten erfahren wir danach etwas über ihren weiteren Lebensweg.“

Ellmers Empfinden nach werden zu viele Themen nur aus der Kostensicht betrachtet. Ihm sei bewusst, dass in finanziell schwierigen Zeiten Geld gespart werden müsse. Aber oft geschehe dies in Bereichen, in denen dadurch später noch höhere Folgekosten entstehen. „Und wenn Budgets um 20 Prozent gekürzt werden, hat es häufig den kompletten Wegfall des Angebots zur Folge, weil es mit 80 Prozent der Mittel nicht geht.“

Der VSD-Geschäftsführer würde zudem befürworten, wenn für die Kommunen eine Tariftreuepflicht gelten würde. Häufig werden feste Budgets für zwei oder drei Jahre festgelegt, etwa im Bereich der offenen Kinder- und Jugendarbeit, also bei den Jugendtreffs. Nicht alle Gemeinden gehen die Tarifsprünge während dieses Zeitraums mit. „Das ist juristisch in Ordnung, aber wo soll das Geld herkommen?“, fragte Ellmer. Die Lösung, langjährige Mitarbeitende zu entlassen und durch Berufsanfänger zu ersetzen, um im Kostenrahmen zu bleiben, könne nicht im Sinne der Kommune sein. Stellen in der Kinder- und Jugendarbeit werden eher nach Finanzlage der Kommune geschaffen, nicht nach dem jeweiligen Sozialbedarf vor Ort.

Spieker bedankte sich abschließend für den Austausch und für den detaillierten Einblick in den Bereich der Kinder- und Jugendhilfe. Er wolle das Gespräch gern fortsetzen, unabhängig vom Ausgang der Wahl am 13. September.